„Das Volk“ im Sinne von Ethnie heißt 民族 , und das Wort stellt ein echtes Übersetzungsproblem dar. 民 sind die einfachen Leute, im Gegensatz zu denen, die regieren; 族 zeigt ein Banner über einem Pfeil ⟶ der Clan, der sich unter derselben Fahne sammelt. In seiner modernen Bedeutung kam das Kompositum Ende des 19. Jahrhunderts aus dem Japanischen, zusammen mit einem ganzen politischen Wortschatz. Im Deutschen schwankt man zwischen Volk, Ethnie und Nation, und übersetzte offizielle Texte sagen oft „Nationalität“. Keines dieser Wörter passt ganz (ich schreibe auf dieser Seite „Ethnie“, mangels eines besseren Wortes).
China erkennt offiziell sechsundfünfzig Ethnien an: die 汉族 , etwas mehr als 91 % der Bevölkerung, und fünfundfünfzig 少数民族 , wörtlich „Ethnien in kleiner Zahl“. Die Liste wurde zwischen den 1950er-Jahren und 1979 festgelegt, als die Jinuo aus Yunnan als letzte anerkannt wurden. Doch die kleine Zahl ist relativ: Die 壮族 , die größte Minderheit des Landes, zählen fast zwanzig Millionen Menschen, mehr als viele europäische Länder. Viele dieser Völker haben ihre eigene Sprache, manche auch ihre eigene Schrift: Das Mongolische wird von oben nach unten geschrieben, das Uigurische in arabischer Schrift, und die Naxi haben die Piktogramme 东巴文 bewahrt, eine der letzten Schriften dieser Art, die noch gelesen werden.
Der Name der Han stammt von der gleichnamigen Dynastie (206 v. Chr. bis 220 n. Chr.). Allerdings wendet ihn nicht jeder auf die gleiche Weise auf sich an: Im Süden, und vor allem bei den Kantonesen, die nach Übersee ausgewandert sind, nannte man sich eher 唐人 , „Leute der Tang“, daher 唐人街 , das Chinesenviertel unserer Städte. Um von sich als Ganzes zu sprechen, haben die Chinesen auch lyrischere Formeln: 炎黄子孙, die Nachkommen der mythischen Herrscher Yandi und Huangdi, oder 龙的传人, die Nachkommen des Drachen, Titel eines taiwanischen Liedes von 1978, das zu einer inoffiziellen Hymne wurde.
Die Nachbarvölker wiederum haben ihre Spuren im Wortschatz hinterlassen. Die Chinesen nannten die Nomaden des Nordens und des Westens 胡 , und was aus ihren Gebieten kam, trug dieses Zeichen: die Karotte, 胡萝卜, „die Rübe der Hu“, der Pfeffer, 胡椒, die Fiedel 胡琴. Manche erkennen dasselbe 胡 in 胡说 , „reden wie die Barbaren“ ⟶ Unsinn reden. Da bin ich mir nicht sicher: 胡 bedeutet auch „aufs Geratewohl“, und die Erklärung könnte erst nachträglich entstanden sein.
Kommen wir zu den Sprachen. Das Chinesische hat mehrere Namen, und jeder sagt etwas aus. 汉语 ist die Sprache der Han, im Gegensatz zum Tibetischen oder Mongolischen; 中文 ist eher die geschriebene Sprache, die der Bücher und des Unterrichts; 普通话 , „die gemeinsame Sprache“, ist die mündliche Norm, die auf der Aussprache Pekings beruht. In Taiwan sagt man 国语 , „die Nationalsprache“, und in Singapur 华语 . Vorsicht bei 韩语 , dem Koreanischen: Nur der Ton unterscheidet es von 汉语 (ein klassischer Anfängerfehler, und die Klasse lacht jedes Mal).
Bleibt die Frage der 方言 , wörtlich „die Sprechweisen der Regionen“. Man übersetzt mit „Dialekte“, und genau da wird es kompliziert. Ein Pekinger versteht keinen Kantonesen, der 粤语 spricht: Für einen europäischen Sprachwissenschaftler sind das zwei Sprachen, so weit voneinander entfernt wie Französisch und Italienisch, wenn nicht weiter. Aber sie schreiben mit denselben Zeichen, lesen dieselben Zeitungen, und die chinesische Tradition sieht in ihnen Varianten einer einzigen Sprache. Wer hat recht? Alles hängt vom gewählten Kriterium ab, und ich werde das hier nicht entscheiden (unsere Seite Die Sprachen Chinas erläutert ausführlich, wie die Sprachen des Landes eingeteilt werden). Das Sprichwort begnügt sich damit, festzustellen: 十里不同音,百里不同俗, alle zehn Li ändert sich der Akzent, alle hundert Li die Sitten.
Für die anderen Sprachen hängt man 语 oder 文 an den Namen des Landes: 英语 und 英文, 法语 und 法文. Im Prinzip bezeichnet 语 die gesprochene und 文 die geschriebene Sprache; im Gebrauch verwendet man oft das eine für das andere. Wieder einmal der Sprachgebrauch. Und wenn ein Text unverständlich ist, sagt man im Deutschen, er sei „ein Buch mit sieben Siegeln“; der Chinese dagegen spricht von 天书 , „einem Buch des Himmels“.
Der Akzent, 口音 , verrät die Herkunft sicherer als ein Personalausweis. Den Pekinger erkennt man an seinem 京腔 , der die 儿 am Wortende rollt; wer zu viel gereist ist, hat am Ende einen Akzent 南腔北调, weder aus dem Norden noch aus dem Süden. Etwas von seinem 乡音 , dem Akzent der Heimat, behält man immer: Genau darum geht es im Gedicht von He Zhizhang, auf unserer Seite Heimkehr ins Geburtsland - He Zhizhang, dem Gedicht eines Mannes, der jung fortging und alt zurückkam, mit unverändertem Akzent. Die Länder und Nationalitäten stehen dagegen auf der Seite Namen und Nationalitäten.
Unsere Beispiele enden mit einem Satz aus den Gesprächen. Sima Niu klagte, er habe keine Brüder; Zixia, ein Schüler des Konfuzius, antwortete ihm 四海之内,皆兄弟也, was Couvreur auf unserer Seite Kapitel 12 der Gespräche des Konfuzius so übersetzt: „Zwischen den vier Meeren sind alle Menschen seine Brüder.“ Man glaubte damals, die bewohnte Welt sei von vier Meeren umgeben, und der Ausdruck 五湖四海 bewahrt noch die Spur davon: „von den fünf Seen und den vier Meeren“ kommen heißt, von überall her kommen. Der Satz stammt von Zixia. Man schreibt ihn gern Konfuzius zu.
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Völker und Ethnien
das Volk, die Ethnie; die Nation (im kulturellen Sinn)
die Han (die Mehrheitsethnie Chinas)
die ethnische Minderheit; die „nationalen Minderheiten“
ein Han, die Han
die Ethnie, der Clan; die Gruppe (上班族, die Angestellten)
die chinesische Nation (die Gesamtheit der Völker Chinas)
die Tracht (eines Volkes)
das Chinesenviertel, Chinatown (wörtl. „die Straße der Leute der Tang“)
der Landsmann (wörtl. „aus demselben Mutterleib“)
die Nachkommen des Drachen (die Chinesen)
multiethnisch
das China der Anfänge (alter, literarischer Name)
die Nachkommen von Yandi und Huangdi (die Chinesen)
der Ethno-Stil (Mode, Musik)
die Völker aller Ethnien (Amtssprache)
Die Völker Chinas
die Zhuang (die zahlenmäßig größte Minderheit, in Guangxi)
die Hui (chinesischsprachige Muslime)
die Mandschu
die Uiguren
die Miao (Hmong)
die Tibeter
die Mongolen (in China)
die Dai (mit den Thai verwandt, in Yunnan)
die Koreaner Chinas
die Yi
die Tujia
die Bai (um Dali, in Yunnan)
die Yao
die Kasachen (in China)
die Naxi (um Lijiang)
die Li (Insel Hainan)
Feste und Bräuche der Völker Chinas
die Jurte
halal (清真餐厅, das muslimische Restaurant)
das Wasserfest (Neujahr der Dai)
der Begrüßungsschal (Tibeter, Mongolen)
das Fackelfest (der Yi)
das Naadam (mongolisches Fest: Ringen, Bogenschießen, Pferderennen)
der Buttertee (tibetisch)
die Dongba-Schrift (Piktogramme der Naxi)
Eine Sprache sprechen
die Sprache
sprechen, sagen
sprechen (eine Sprache); erzählen
(eine Sprache) sprechen können
sprechen, reden
(Gehörtes) verstehen
(Gehörtes) nicht verstehen
die Fremdsprache
übersetzen; der Übersetzer, der Dolmetscher
der Akzent
fließend; flüssig
korrekt, akzentfrei; die Norm
authentisch, wie ein Muttersprachler
zweisprachig
austauschen, sich verständigen
ausdrücken
verstehen, sprechen, lesen, schreiben (die vier Fertigkeiten)
die Gebärdensprache
das Dolmetschen (mündlich)
die schriftliche Übersetzung
die Konversation (im Lehrbuch)
die Sprachwissenschaft
Das Chinesische und seine Varietäten
Chinesisch (die Sprache der Han)
Chinesisch (vor allem geschrieben)
Hochchinesisch, Standard-Mandarin (wörtl. „die gemeinsame Sprache“)
der Dialekt, die Regionalsprache
Kantonesisch (gängiger Name)
Kantonesisch
Shanghainesisch
die Mundart von Sichuan
die Mundart des Nordostens
Minnan (Süden Fujians, Taiwan)
das klassische Chinesisch
Hakka
Wu (Region Shanghai und Zhejiang)
die nördlichen Mundarten (die Mandarin-Gruppe)
die „Sprache der Mandarine“ (die der kaiserlichen Beamten)
die Nationalsprache (Name des Mandarin vor 1949, und in Taiwan)
Chinesisch (Bezeichnung in Singapur und Malaysia)
die gesprochene Sprache (das moderne Schriftchinesisch, im Gegensatz zum klassischen)
der Akzent der Heimat
die örtliche Mundart
der Pekinger Akzent
Die Sprachen der Welt
Englisch
Französisch
Deutsch
Japanisch
Koreanisch (nicht zu verwechseln mit 汉语 Hànyǔ)
Spanisch
Englisch (vor allem geschrieben)
Russisch
Italienisch
Arabisch
Portugiesisch
Französisch (vor allem geschrieben)
Thai
Vietnamesisch
die Fremdsprache (vor allem geschrieben)
eine fremde Sprache (umgangssprachlich)
Latein
Esperanto (wörtl. „die Weltsprache“)
Völker und Sprachen in Redewendungen und Sprichwörtern
wirres Zeug reden
alle zehn Li ändert sich der Akzent, alle hundert Li ändern sich die Sitten
jede Gegend prägt ihre Menschen
aus allen Ecken des Landes (wörtl. „die fünf Seen und die vier Meere“)
von überall her, aus allen Himmelsrichtungen
zwischen den vier Meeren sind alle Menschen Brüder
ein gemischter Akzent, weder aus dem Norden noch aus dem Süden
aneinander vorbeireden (wörtl. „das Huhn spricht mit der Ente“)
eine klare Aussprache und eine volle Stimme
gut reden können, nicht auf den Mund gefallen sein
zusammenhanglos reden
Gemeinsamkeiten suchen und Unterschiede respektieren
Völker und Sprachen in Wörtern des Alltags
der Witz; sich lustig machen über
der Dialog
„das Buch des Himmels“: ein unverständlicher Text (ein Buch mit sieben Siegeln!)
Unsinn reden
die Sprachnachricht; die Aussprache
der Ton (eines Satzes)
das Gesprächsthema
überflüssiges Gerede; „na klar!“
ein richtiger Mann (汉: der Mann, der Kerl)
der Held, der tapfere Kerl
das Pidgin, ein mit Englisch vermischter Jargon (nach einem Kanal in Shanghai)
die Alltagssprache, schlichte Rede
der sprachliche Tick, die Lieblingsfloskel
Beispielsätze
Sprichst du Chinesisch? Ein bisschen.
Ich spreche Französisch und Englisch.
China zählt sechsundfünfzig Ethnien.
Sprechen Sie bitte langsamer, ich verstehe nicht.
Wie sagt man dieses Wort auf Chinesisch?
Er spricht fließend Chinesisch.
Die Han sind die zahlenmäßig größte Ethnie Chinas.
Ich verstehe kein Kantonesisch.
Die Kantonesen sprechen Kantonesisch, und auch Mandarin.
Er spricht mit einem starken Sichuan-Akzent.
Yunnan ist die Provinz mit den meisten ethnischen Minderheiten.
Jedes Jahr im April feiern die Dai das Wasserfest.
Sie arbeitet als Übersetzerin in einer Firma.
Sein Französisch ist tadellos: Er hat nicht den geringsten Akzent.
Dieses Buch ist für mich wirklich ein Buch mit sieben Siegeln.
Früher lebten die mongolischen Viehhirten in Jurten.
Red keinen Unsinn, das habe ich nie gesagt.
Im Chinesenviertel sprechen viele alte Leute nur Kantonesisch.
Alle zehn Li ändert sich der Akzent, alle hundert Li ändern sich die Sitten: China hat eine Unzahl von Dialekten.
Der eine spricht Minnan, der andere Shanghainesisch: Sie reden völlig aneinander vorbei.
Die Schüler unserer Klasse kommen aus allen Ecken des Landes.
Ein tibetischer Freund hat mir einen Begrüßungsschal geschenkt.
Die Dongba-Schrift der Naxi ist eine Bilderschrift.
Kaum macht er den Mund auf, hört man den Pekinger Akzent.
Zwischen den vier Meeren sind alle Menschen Brüder.


